Wartungsfrei oder Streichzyklus? Was eine Holzfassade über 50 Jahre kostet
Ein Forschungsprojekt berechnet Gebrauchsdauer und Lebenszykluskosten von Holzfassaden erstmals modellbasiert. Das ersetzt Wartungsschätzungen durch Zahlen.
Ein europäisches Forschungsprojekt hat ein kostenloses Werkzeug vorgestellt, das Gebrauchsdauer und Lebenszykluskosten von Holzbauteilen modellbasiert statt geschätzt berechnet. Der Anlass ist technisch, die Frage dahinter ist es nicht: Was kostet eine Holzfassade über ihre Standzeit wirklich, und wie oft muss man ran?
Was passiert ist
Der europäische Forschungsverbund WoodLCC hat ein Werkzeug vorgestellt, das Gebrauchsdauer und Lebenszykluskosten von Holzfassaden und anderen Holzbauteilen schon am Anfang der Planung rechnerisch statt schätzweise bestimmen soll. Kernstück ist ein kostenloses Plugin für die BIM-Software Autodesk Revit, das Angaben zu Material und Standort mit Berechnungsmodellen für Feuchteeintrag, biologischen Abbau und erwartete Nutzungsdauer zusammenführt. Damit lassen sich Holzarten, Oberflächenbehandlungen, Wartungsstrategien sowie Reparatur- und Austauschzeitpunkte im Modell gegeneinander durchspielen, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Koordiniert wurde das Vorhaben von der Universität Göttingen und im europäischen Forschungsnetzwerk ForestValue über das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) gefördert, mit einer Laufzeit von Mai 2022 bis 2025. Plugin, Programmcode und ein ergänzendes Excel-Tool zur wettergestützten Berechnung von Fäulnisrisiken liegen frei zugänglich auf Zenodo und GitHub.
Die Zahlen
- Über 3.000 Befragte in Deutschland, Schweden und Norwegen zu ihren Erwartungen an Holzfassaden
- Über 20 Feuchtesensoren an Testfassaden, die reale Bewitterung über die Projektlaufzeit dokumentierten
- Testbauten in vier Ländern (Deutschland, Österreich, Schweden, Slowenien)
- 8 Forschungseinrichtungen aus 7 Ländern, unter anderem die Universität Göttingen (Koordination), das norwegische NIBIO, die estnische TalTech und das slowenische InnoRenew CoE
- Zur Einordnung der Größenordnung: Baupreise für Wohngebäude lagen im Mai 2026 rund 5,0 Prozent über dem Vorjahr, die Holzbauquote im Wohnungsbau bei 24,4 Prozent der genehmigten Wohngebäude
Was das für Kommunen bedeutet
Kommunen rechnen Bauvorhaben selten über ihre tatsächliche Nutzungsdauer, obwohl genau das ihre Aufgabe wäre: Eine Schule, ein Bad oder eine Kita bleiben 50 Jahre und länger im Bestand, und über diesen Zeitraum entscheiden Instandhaltung und Betrieb stärker über die Wirtschaftlichkeit als der Baupreis am Tag der Fertigstellung. In Vergabeverfahren fließen Folgekosten trotzdem häufig nur pauschal oder gar nicht in den Variantenvergleich ein, weil belastbare Zahlen zu Wartungsintervallen bislang fehlten. Genau diese Lücke soll das neue Werkzeug schließen: Wer Lebenszykluskosten schon im Entwurf durchrechnen kann, kann sie auch in die Ausschreibung schreiben und muss sich nicht allein auf die Erfahrung eines einzelnen Planers verlassen. Für kommunale Bauämter, die zugleich Klimaziele und knappe Unterhaltsbudgets im Blick behalten müssen, ist das mehr als eine Software-Frage – es ist die Voraussetzung, um Holzbau nicht nur ökologisch, sondern auch fiskalisch zu begründen. Wie eng beides zusammengehört, zeigt auch das DGNB-Rahmenwerk für klimaneutrale Gebäude, das ebenfalls über die Nutzungsdauer statt über den Bauzeitpunkt rechnet.
Was das für Investoren und Bauherren bedeutet
Der häufigste Einwand gegen Holz im Außenbereich ist selten die Statik, sondern die vermutete Wartung. Bisher stützte sich diese Sorge auf Erfahrungswerte und Pauschalannahmen, nicht auf durchgerechnete Modelle – dass dafür ein eigenes Forschungsprojekt nötig war, zeigt, wie dünn die Datenlage bislang tatsächlich war (siehe auch unseren Beitrag zu den Mehrkosten im Holzbau). Was die Gebrauchsdauer einer Holzfassade bestimmt, ist im Grundsatz bekannt: konstruktiver Holzschutz durch Dachüberstand, Abstand zum Erdreich und Hinterlüftung, die Bewitterungsrichtung, die Holzart mit ihrer Dauerhaftigkeitsklasse – und, das ist der eigentlich entscheidende Punkt, die Oberflächenbehandlung. Eine unbehandelte, konstruktiv sauber geplante Fassade vergraut sichtbar, bleibt aber weitgehend wartungsarm. Ein deckender Anstrich dagegen erzeugt einen wiederkehrenden Streichzyklus mit Gerüst- und Personalkosten, die sich über 50 Jahre ganz anders summieren als bei der unbehandelten Variante. Wer diese Entscheidung erst nach dem Rohbau trifft, entscheidet ohne Zahlen. Das neue Werkzeug verschiebt den Vergleich in die Entwurfsphase, wo er hingehört – ähnlich wie es unser Beitrag zur Dauerhaftigkeit von Naturdämmstoffen bereits für die Gebäudehülle insgesamt beschrieben hat.
Einordnung
Auffällig an der Pressemitteilung ist, was fehlt: keine veröffentlichten Kostensätze pro Quadratmeter, keine belastbaren Wartungsintervalle in Jahren. Genau diese Lücke ist der eigentliche Grund für das Projekt, nicht ein Nebenprodukt davon – wer heute einen Streichzyklus beziffert, leitet ihn aus Erfahrungswerten ab, nicht aus Modelldaten. Das ist ehrlicher als eine erfundene Kennzahl, macht das Werkzeug für die Praxis vorerst aber zu dem, was es ist: ein frei zugänglicher Forschungsprototyp, kein fertiges Ausschreibungstool. Und der Lebenszyklusvorteil von Holz ist kein Automatismus. Fehlt der konstruktive Holzschutz, steht die Fassade dauerhaft in Nässe oder wird die falsche Holzart verbaut, wird Fäulnis zum realen Risiko – mit vorzeitigem Austausch, der jede vorherige Kalkulation zunichtemacht. Ein Werkzeug, das diese Faktoren vor dem ersten Spatenstich durchrechnet, ist deshalb mehr wert als ein weiteres allgemeines Nachhaltigkeitsversprechen.
Quellen: FNR/Holzbauinitiative: Gebrauchsdauer und Lebenszykluskosten von Holzbauwerken verlässlich berechnen · FNR-Projektdatenbank: WoodLCC · ForestValue: Projektseite WoodLCC
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